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6. Oktober 2016
Weimar

Recht

BU
Udo Pein hat schon einmal Platz genommen in einem Gerichtssaal. Denn zur Nacht des Rechts in Gera werden hier Gerichtsverhandlungen für Besucher nachgestellt. Foto: Schulter

Zitat
„Leider haben wir noch keinen Notar als Vereinsmitglied.“
Udo Pein, Vorsitzender des Vereins Rechtspflege, Kunst und Kultur e.V.


Recht verständlich
Verein aus Gera will für mehr Transparenz im Justizwesen sorgen – Nacht des Rechts am 30. September geplant

Von Simone Schulter

Der Richter ein Chirurg? Udo Pein nutzt gern diesen Vergleich. Ebenso wie bei einer Operation werde in einer Gerichtsverhandlung über das weitere Leben eines Angeklagten entscheiden. Eine Entscheidung über Leben und Tod, spitzt Pein zu, der als Bezirksrevisor für den Landgerichtsbezirk Gera arbeitet.

Der große Einfluss, den die Justiz auf das Leben der Bürger habe, werde in der Öffentlichkeit aber nur eingeschränkt wahrgenommen. „Dabei wird jeder Mensch ins Recht geboren und stirbt im Recht“, erläutert Pein. Das beginnt mit den gesetzlichen Regelungen zur Namensgebung und zum Sorgerecht und endet mit Erbschaftsfragen. Den wenigsten sei das leider bewusst.

Pein stößt sich am öffentlichen Desinteresse, macht dafür aber auch seine Berufskollegen mitverantwortlich. Die Justiz schotte sich zu sehr ab. „Das sorgt für eine Wechselwirkung“, so Pein. „Der Bürger kann und will dann auch nichts wissen.“

Gerichtsverhandlungen im Fernsehen könnten dieses Missverhältnis nur zum Teil beheben, meint Pein. Was macht ein Richter, Anwalt, Staatsanwalt: Die Aufgabenverteilung vor Gericht wird in solchen Sendungen durchaus wiedergegeben. Doch in der Justiz sind Gerichtsshows verrufen. „Sie geben viele Dinge nicht realistisch wieder.“

Udo Pein will auch deshalb mehr Transparenz schaffen und hat vor einigen Jahren den Verein Rechtspflege, Kunst und Kultur ins Leben gerufen. Etwa 50 Personen engagieren sich. Richter und Rechtspfleger, Justizvollzugsbeamte und Rechtsanwälte. „Eben alles, was mit juristischen Berufen zu tun hat“, so Pein. Doch auch Fachfremde arbeiten mit, darunter sogar eine Hausfrau. Geeint durch die Idee, das Rechtsverständnis in der Bevölkerung zu befördern. Denn nur, wenn nur mit Sachverstand könnte man juristische Entscheidungen nachvollziehen.

Mit seinem Verein hat sich der in Ronneburg lebende Justizangestellte einen lang gehegten Wunsch erfüllt. „Ich habe in den 1980er-Jahren mein Berufsleben als Rechtspfleger gestartet. Mir fiel es sehr schwer, meine Arbeit zu erklären.“ Damals keimte der Wunsch, für mehr Durchblick in Rechtsangelegenheiten zu sorgen. Als 2010 das neue Justizzentrum in Geras Stadtzentrum eröffnet wurde, bekam die Idee neuen Schwung. Im Gebäudekomplex hinter und neben der Hauptpost wurden damals zwölf Gerichtsstandorte konzentriert. Über 400 Mitarbeiter zogen ein. Viele kannten sich nicht. Den Schwung des Neustarts nutzte Pein für seine Vereinsidee und fand schnell zahlreiche Mitstreiter.

Anfangs war die Vereinsarbeit auf Gera beschränkt. Doch der Stadtnamen steht längst nicht mehr im Vereinsnamen. „Mittlerweile haben wir Mitglieder aus ganz Thüringen“, sagt Pein nicht ohne Stolz. Das liegt in unseren Projekten begründet“, weiß Pein. Diese klären über die Arbeit am Gericht auf und stellen juristische Berufe vor. So können Schüler Gerichtsverhandlungen nicht einfach nur verfolgen, sondern bekommen am Beginn und Ende Hintergrundwissen vermittelt. Auch Ausstellungen werden organisiert – und Filme gedreht. In einem der vom Verein produzierten Filme wird der Weg von der Straftat bis zur Sozialisierung nach verbüßter Haft dargestellt. Ein anderer erläutert Beispiele, wie und wann die Justiz ins Alltagsleben eingreift. 20 Mitarbeiter des Justizzentrums haben daran mitgewirkt. „Ein Traum“, freut sich Pein über das Engagement seiner Vereinsmitglieder. Das nächste große Projekt startet am 30. September. Dann laden Pein und seine Mitstreiter zur 2. Nacht des Rechts nach Gera ein.


TERMIN
2. Nacht des Rechts am 30. September, ab 15 Uhr im Justizzentrum Gera
Zur 2. Nacht des Rechts werden für die Besucher Gerichtsverhandlungen nachgestellt, darunter auch eine im Innenhof des Justizzentrum. Hier wird gezeigt, wie früher Recht gesprochen wurde. Angeklagt ist eine Frau, weil sie zu freizügig gekleidet Wasser aus dem Dorfbrunnen holte.
Besucher können am Freitag auch Haftzellen im Gerichtsgebäude und einen Haftbuch besichtigen, der Angeklagte zwischen Gefängnis und Gericht transportiert. Wer möchte, kann sich auch an den Pranger stellen lassen. Ausgestellt wird zudem das wohl älteste deutsche Rechtsbuch, der „Sachsenspiegel“.
Informationen über juristische Berufe, eine Buchlesung zu Mordfällen in Gera sowie aus Erinnerungen eines ehemaligen Häftlings und eine Rechtsexpertenecke mit Informationen zu Internet-, Arbeits-, Familien- und Sozialrecht runden das Programm ab.

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