Heute beim Bergdoktor, morgen bei XY - ungelöst: Ben Nippe aus Ostthüringen hat einen wahrlich spannenden Beruf - meinanzeiger.de
27. April 2017
Zeulenroda-Triebes

Heute beim Bergdoktor, morgen bei XY – ungelöst: Ben Nippe aus Ostthüringen hat einen wahrlich spannenden Beruf

Jetzt bloß nicht herunterfallen - Stuntman Benjamin Nippe bei Dreharbeiten für "Der Bergdoktor".

Jetzt bloß nicht herunterfallen - Stuntman Benjamin Nippe bei Dreharbeiten für "Der Bergdoktor".

Über mangelnde Abwechslung im Beruf können sich Stuntplayer nicht beklagen.
Das Spektrum des Ostthüringers Benjamin Nippe zum Beispiel reicht von Fenstersturz bis Schießerei.



Mittwochabend, im ZDF läuft „XY … ungelöst“. Ein Filmbeitrag zeigt den Überfall auf eine Firma, die Handysoftware entwickelt. Die Opfer müssen sich auf den Boden legen, von den Tätern mit Schusswaffen bedroht. Obwohl die Zuschauer wissen, dass die Szenen nachgestellt sind, reagieren sie darauf mit Entsetzen.
Benjamin Nippe aus Ostthüringen schmeichelt das. Nicht, weil er emotionslos ist. Das ganz bestimmt nicht. Benjamin ist ein ungewöhnlicher junger Mann mit einem ungewöhnlichen Beruf. Der 30-Jährige arbeitet als Stuntman und im XY-Filmfall war er einer der Täter.
„Die Szenen müssen realistisch sein, damit Zeugen sich erinnern und Hinweise geben können“, erklärt Nippe. Dafür gehen locker drei Drehtage drauf. Vorher muss sich die Crew die Originalvideos vom Tathergang anschauen.

Ein Zombie in Berlin



Ein Blick zurück: Benjamin Nippe ist 19, als er von einem Freund auf das Stunttraining in Bad Lobenstein aufmerksam gemacht wird. Er muss nicht lange überlegen. Judo und Jiu Jitsu hat er drauf, was soll schon passieren? Und zusehen kostet nichts. Doch Benjamin ist begeistert. Noch im gleichen Jahr fährt er nach Berlin, um als Stuntplayer einen Zombie zu spielen.
Trotz des Erfolgs beendet er seine Ausbildung als Facharbeiter für Anlagen- und Schweißtechnik. Heute, zehn Jahre später, schweißt Benjamin keine Anlagen mehr zusammen. In seinem neuen Beruf lässt er sich verprügeln, von Autos anfahren oder springt aus dem Fenster. Im Wohnzimmer, wo andere Leute Stehrumchen aus Kristall drapieren, bewahrt er seine Requisiten für die Einsätze auf: Hanteln, Schlagstöcke, Pfeil und Bogen. Zur Schlägerei geht‘s in die Sporthalle.

Von der Kirsche in die Kirsche



Zwei Drittel des Jahres jettet er um den Globus. Dreht heute in Kanada mit John Salvitti, morgen mit Hans Sigl alias „Der Bergdoktor“ in Österreich, ist am Ende der Woche pünktlich zum „Großstadtrevier“ in Hamburg und kurz danach in Wismar, wo die „Soko“ abgedreht wird und die Darsteller hinter der Kamera mit manch nettem Dialekt überraschen. „Vor der Kamera sprechen sie natürlich Hochdeutsch“, betont Benjamin und erzählt, dass auch er mit logopädischer Hilfe eine Weile gebraucht habe, um den ostthüringischen Dialekt loszuwerden. „Wir essen Kirschen in der Kirsche – Fremde verstehen das nur, wenn sie den Kontext kennen. Das geht natürlich im Fernsehen nicht.“
Seit 2013 ist Benjamin Nippe selbstständig. Das ist aufgrund der hohen Spezialisierung und abgeforderten Flexibilität auch gar nicht anders möglich. Gelegentlich hat er kleine Filmrollen, doch meistens doubelt er Schauspieler, für die das Verletzungsrisiko bestimmter Dreharbeiten zu hoch wäre. Nach den „Takes“, den einzelnen Sequenzen eines Drehs, wertet Benjamin seine Arbeit aus, holt sich Feedback. „Ich bin sehr selbstkritisch, hinterfrage mich ständig, ob ich gut genug bin“, erklärt er. Er muss stets am Ball bleiben, damit er für die Produktionen gebucht wird.
Hat er den Job, geht die Arbeit richtig los: Drehbuch lesen, mögliche Bewegungsabläufe entwickeln, unzählige Einstellungen durchgehen, Szenen bis zur Perfektion trainieren. Auch mental ist einiges zu tun: „Wenn ich jemanden schlage, muss das echt aussehen. Ich steigere mich also in die Situation hinein, behalte aber immer die Kontrolle.“

„Das bisschen Hinfallen könnte ich auch“



Viele können Nippes Beruf nicht einordnen. „Das bisschen Hinfallen könnte ich auch“, bekommt er oft von Unwissenden zu hören. Man sehe es ihnen nach, denn sie wissen nicht um den Aufwand, den der Stuntman betreiben muss, um seinen Beruf überhaupt ausüben zu können. Fitness hat Priorität. Benjamin muss im Training stehen, Kondition haben, um die Kollision mit einem 30 km/h schnellen Auto oder den Sturz vom fahrenden Motorrad heil zu überstehen. In seiner Freizeit treibt er deshalb viel Sport, ist Cheerleader, Kampfsportler, Akrobat und Inhaber einiger Kletter- und Tauchscheine. Bei der Bundeswehr lernte er Fallschirmspringen.
Stuntman ist definitiv sein Traumberuf. „Ich habe keine Angst, sondern Respekt vor brenzligen Situationen“, verrät Benjamin. „Davor ist die Anspannung groß, der Kick und das Adrenalin wirken enorm. Das hilft mir, mich auf den Stunt zu fokussieren.“ Wobei der Stuntman nicht jeden Job annehmen würde. „Anfahrszenen zum Beispiel sind absolute Vertrauenssache, die würde ich nicht mit jedem machen“ erklärt er klipp und klar.
Von dem megaschüchternen Jungen – wie er selbst sich als 16-Jährigen beschreibt – ist offenbar nichts geblieben. Heute motiviert Benjamin Nippe andere, sich etwas zuzutrauen, nicht gleich zu verzagen. „Man muss an sich glauben“, ist er überzeugt. „Weil viele andere etwas nicht können, heißt das nicht, dass ich es auch nicht kann.“
Mit wem er gern mal einige Actionszenen drehen würde? – „Mit Schwarzenegger, Van Damme oder Stallone.“


Zum Thema:
100 Stuntplayer, davon 20 Prozent Frauen, sind im Bundesverband deutscher Stuntleute e.V. organisiert. Seit 2016 sind sie als Künstler anerkannt.
Die Tätigkeit gilt als Nischenberuf, der viele künstlerische und technische Fähigkeiten abverlangt: Stuntplayer müssen flexibel sein, sich blitzschnell Situationen anpassen, verschiedene Rollen einnehmen, technisch versiert sein und naturwissenschaftliche Zusammenhänge erkennen.
Vorteilhaft ist es, eine technische oder handwerkliche Ausbildung mitzubringen, denn der Job besteht zum größten Teil aus Vorbereitung, Aufbau und Berechnung.
Stuntman ist kein anerkannter und geregelter Ausbildungsberuf. Man kan ihn in einer Stuntschule erlernen.
www.youstunt-concepts.de
www.benjaminnippe.com

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